Sonderpädagogik vs. inklusive Bildung? Interview mit Prof. Dr. Frank J. Müller

Einleitung

Prof. Dr. Frank J. Müller hat im Anschluss an seine Tätigkeit als Sonderpädagoge an der Grünauer Gemeinschaftsschule in Berlin die Professur für „Inklusive Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und der Geistigen Entwicklung in den Sekundarstufen“ an der Universität Bremen (Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften) übernommen. Er arbeitet zu Unterstützungsmöglichkeiten für Lehrkräfte in heterogenen Lerngruppen durch inklusive Open Educational Ressources (OER), zum Forschenden Studieren, um integrationspädagogische Entwicklungen zugänglich zu gestalten, sowie zu Fragen der Einbeziehung weiterer Heterogenitätsdimensionen. Darüber hinaus ist er Studiengangsverantwortlicher für den Studiengang Inklusive Pädagogik an Gymnasien und Oberschulen.

Im Rahmen unseres Themenmonats „Berufsfeld Sonderpädagogik“ haben wir mit ihm darüber gesprochen, welche Rolle die Sonderpädagogik bei einer inklusiven Bildung spielt und welche Chancen und Herausforderungen er für das Berufsfeld sieht.

Unser Thema des aktuellen Monats Mai ist das Berufsfeld Sonderpädagogik und wir freuen uns sehr, deine Expertise hierzu mit unserer Community teilen zu können. Bitte stelle dich unseren Leser:innen kurz vor – wo kommst du her und was ist deine Motivation für das, was du heute tust?

Ich habe in Berlin meinen Zivildienst an einer Sonderschule für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung absolviert und dann ein Studium der Sonderpädagogik begonnen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch überzeugt von der Sonderschule als Institution. Im Laufe meines Studiums habe ich mich dann mit dem gemeinsamen Lernen beschäftigt und festgestellt, dass sich Schule insgesamt ändern muss, um allen Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Das ist eine riesige Herausforderung und es funktioniert nur, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Nach meinem Referendariat habe ich promoviert und an einer Berliner Gemeinschaftsschule gearbeitet. Die Arbeit dort hat meine Arbeit an der Universität geprägt. Für mich ist eine wesentliche Frage, wie können wir Lehrkräfte unterstützen, der Heterogenität ihrer Schüler:innen gerecht zu werden. Dafür haben wir beispielsweise mit Wort.Schule ein inklusives, kostenfreies und werbefreies Wörterbuch für Kinder und Jugendliche erstellt, damit Kinder und Jugendliche Texte zu für sie relevanten Themen schreiben können. Außerdem versuche ich meine privilegierte Stellung zu nutzen, um Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Erfahrungen in der Lehrkräftebildung einzubringen. So arbeiten wir gerade mit 160 Autor:innen (Wissenschaftler:innen und Selbstvertreter:innen) im Projekt All means all! an einem freien Lehrbuch zum Thema Vielfalt im Bildungswesen. Meine Motivation ist es, viele Menschen zu inspirieren, um Schule und Unterricht im Sinne aller Lernenden zu entwickeln. Das gelingt am besten mit freien Bildungsmaterialien, weil niemand an Geld oder Lizenzhürden scheitert und Inhalte an die Bedürfnisse der Lehrenden und Lernenden angepasst werden können.

Bitte gib uns einen Überblick darüber, wie die Sonderpädagogik im aktuellen Bildungs-/Schulsystem aus wissenschaftlicher Sicht verankert ist? Wo steht sie heute und was kann sie leisten?

Sie kann gleichzeitig als Bremse und Entwicklungsmotor gesehen werden. Es gibt zahlreiche Sonderpädagog:innen in Schule und Wissenschaft, die sich für eine Gestaltung eines inklusiven Bildungssystems einsetzen und dafür sorgen, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen nicht aus dem Blickfeld geraten. Einige Kolleg:innen stellen dabei jedoch nicht die Frage nach dem Lernort. Die Sonderschulen als Institutionen sind ebenso beharrlich wie die Gymnasien und einige andere Regelschulen. Dementsprechend gibt es einzelne Bundesländer, in denen die Inklusion nicht vorangekommen ist und andere, die sich auf den Weg gemacht haben. Es gibt natürlich auch in den Bundesländern, die sich insgesamt betrachtet nicht viel weiterentwickelt haben, engagierte Lehrer:innen, die beeindruckende inklusive Schulen gestaltet haben. Ebenso bestehen aber auch in den Ländern, die weiter vorangeschritten sind, Herausforderungen, die die tägliche Arbeit erschweren. Gleichzeitig zeigen strukturelle Veränderungen, wie die Einführung von Gemeinschaftsschulen (Klasse 1-13) oder die Abschaffung der Sonderschulen grundlegende Wirkung.

Da Schulen von ihren Mitarbeiter:innen geprägt werden, ist die Lehrkräftebildung ein wichtiger Ansatzpunkt. So wie nicht barrierefreie Schulneubauten uns für die nächsten 50 Jahre Probleme bereiten, prägen die jetzigen Studierenden die Schulen und die Wissenschaft in den kommenden Jahrzehnten.

Du hast schon während deines Studiums der Sonderpädagogik festgestellt, dass Inklusion nur gemeinsam und ohne Ausgrenzung von Schüler:innen mit Förderbedarf funktionieren kann. Welche Herausforderungen siehst du im  aktuellen Bildungs-/Schulsystem, damit Inklusion tatsächlich gelingen kann?

Eine zentrale Herausforderung ist der allgemeine Lehrkräftemangel, der sich auch auf die Gestaltung inklusiver Bildungsangebote auswirkt. So wie in den 70ern und 80ern gemeinsamer Unterricht zusammen mit den Eltern erstritten wurde, müssen auch jetzt wieder gemeinsam Ressourcen erkämpft werden. Bei der jungen Generation gilt es ein Bewusstsein zu schaffen, dass Inklusion kein Thema ist, was mit der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen über uns hineingebrochen ist, sondern ein Kampf für gemeinsames Lernen der die letzten 50 Jahre andauert und weitergeführt werden muss. Projekte wie die kostenfrei verfügbare Buchreihe „Blick zurück nach vorn“ geben in diese Entwicklungen einen Einblick.

Die zentralen Herausforderungen sind aber auch auf politische Entscheidungen zurückzuführen. Wenn man ein längeres, gemeinsames Lernen möchte, dann gilt es, konsequent auf Bildungseinrichtungen zu setzen, die ein kontinuierliches, jahrgangsgemischtes Lernen ermöglichen und nicht nach Klasse 4 oder 6 die Gesellschaft spalten.

Welche Herausforderungen und Chancen siehst du im inklusiven Lernen für beide Seiten – Schüler:innen und Lehrkräfte?

Zentrale Chance des gemeinsamen Lernens ist das Lernen am Modell und die Entwicklung von Empathie und sozialer Kompetenz. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Schüler:innen tatsächlich gemeinsame Lernsituationen und gemeinsame Lerngegenstände erleben. Das ist bei Sonderschulen und Gymnasien leider nicht gegeben. Das ist z.T. auch nicht der Fall, wenn es gravierende Unterschiede zwischen Einzugsbereichen von Schulen gibt. Wenn Schulen nur privilegierte oder benachteiligte Schüler:innen haben, dann kann an beiden kein gemeinsames Lernen im Sinne einer Bildungsgerechtigkeit stattfinden.

Eine weitere Chance für alle Schüler:innen und Herausforderung für Lehrkräfte ist die Veränderung des Unterrichts, so dass die Lernausgangslagen, Bedürfnisse und Interessen aller Kinder und Jugendlichen berücksichtigt werden. Von einer solchen Abkehr von Lernen im Gleichschritt profitieren alle. Gleichzeitig bedeutet dies gravierende Umwälzungen im Schulsystem. Damit verbunden sind z.B. inhaltliche Rückmeldungen über die Lernentwicklungen an Stelle des verbreiteten Zensurenmodells.

Wichtig ist meines Erachtens, dass der Wunsch nach differenzierten Angeboten nicht zu einer (digitalen) Vereinzelung der Lernenden kommt und alle an differenzierten Lernplänen vor sich hinarbeiten, ohne Kontakt und Austausch mit den Mitschüler:innen.

Werden angehende Lehrkräfte aus deiner Sicht derzeit optimal auf eine inklusive Bildung vorbereitet? Welche Barrieren gilt es zu überwinden?

Optimale Vorbereitung ist eine große Anforderung. Da die Absolvent:innen für die nächsten 40 Jahre in den Schulen stehen werden, werden wir nicht alle Eventualitäten abdecken können. Wenn es uns jedoch gelingt, den Studierenden durch eigenes Erleben zu zeigen, wie kollaboratives Zusammenarbeiten in wechselnden Teams in barrierefreien Lernräumen erfolgen kann und wie sie die eigene Arbeit immer wieder kritisch, aber auch stärkenorientiert reflektieren und bereit sind, sich neuen Herausforderungen zu stellen, dann haben wir schon viel erreicht.

Eine Barriere ist auch, dass viele Studierende von der Schule an die Universität kommen und dann wieder in die Schule gehen. Da bleibt zum Teil wenig Raum für Inspiration, um Dinge anders zu gestalten, als man es selbst erlebt hat.

Wie stehst du zu der Frage, ob es für eine inklusive Schule überhaupt Sonderpädagog:innen braucht und es stattdessen andere Ausrichtungen geben sollte, wie z.B. eine inklusionspädagogische Ausbildung für alle angehenden Lehrkräfte. Was ist deine Perspektive und warum?

Prinzipiell wäre eine inklusive Grundbildung für alle Lehrkräfte auf jeden Fall wünschenswert. Die Frage nach den dann (noch) notwendigen Vertiefungen ist jedoch nicht nur inhaltlich herausfordernd, sondern auch ein schwieriger Kampf um Ressourcen, Zeit und Verteilung von Aufmerksamkeit und Zuständigkeitsgefühl. Derzeit sehe ich die verhärteten Fronten zwischen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft. Niemand möchte eigene Anteile im Studium zu Gunsten von mehr inklusionspädagogischen Inhalten aufgeben, sei es, da die Inhalte als wichtig erachtet werden oder die personellen Ressourcen, die an der großen Zahl der Studierenden hängen.

Unser Studiengang für Inklusive Pädagogik an Gymnasien und Oberschulen hat 73% mehr (inklusive) Pädagogik als ein herkömmliches GyOS-Lehramtsstudium. Diese Absolvent:innen haben eine andere Perspektive auf Schule und Kinder als Regelschullehrkräfte, die zwei Fächer und ein wenig Erziehungswissenschaften studiert haben.

Gleichzeitig ist das nicht für alle Lehramtsstudierenden in dem Umfang leistbar. Aber schon für einen Ausbau in einem kleineren Rahmen sehe ich (hochschul)politisch keine Mehrheiten. Wir benötigen vielfältige Expertisen, die können Studierende aber auch nicht alle im Studium erwerben. Sicherzustellen wäre aber, dass sich alle Lehrkräfte für alle Kinder und Jugendlichen zuständig fühlen und bereit sind, sich weiter zu qualifizieren und sich nicht zurücklehnen und sagen,das kann ich nicht, dafür wurde ich nicht ausgebildet.

Wie kann sich die Sonderpädagogik aus deiner Sicht in Zukunft verändern, um inklusive Bildung möglich zu machen?

Die Ausrichtung von Universitäten auf inklusive Bildung wäre meines Erachtens ein wichtiger Schritt. Dazu gehört, eine inklusive Grundbildung für alle Lehrkräfte in den Curricula zu verankern. Dabei gilt es die verschiedenen Dimensionen von Vielfalt in den Blick zu nehmen und nicht eine Sonderpädagogik light zu implementieren. Um eine Verankerung inklusiver Bildung, im Sinne einer Pädagogik der Vielfalt, zu erreichen, ist es meines Erachtens auch erforderlich, diese in den Ausrichtungen aller Professuren sichtbar zu machen. Die Vielfalt der Lernenden ist kein Thema, wo jemand sagen können sollte: da habe ich nichts damit zu tun.

Es sollte einen Dialog darüber geben, welche Inhalte, die bisher nur durch die Sonderpädagogik abgedeckt wurden, wo in welcher Form für wen angeboten werden können, um die notwendige Expertise möglichst breit zur Verfügung zu stellen. Das gilt meines Erachtens für alle Phasen der Lehrer:innenbildung. Ebenso muss der Dialog mit den Fachdidaktiken gestärkt werden, um die Perspektiven wechselseitig zu verankern.

Stichwort Digitalisierung und Inklusion: Welche Chancen bietet die Digitalisierung aus deiner Sicht, um Inklusion an Schulen zu unterstützen?

Die digitalen Medien bieten zahlreiche Chancen für Bildungsprozesse. Diese entstehen jedoch nicht von allein, sondern müssen explizit in der Gestaltung angelegt werden. So kann ein Material offen und flexibel angelegt und mit einer freien Lizenz versehen sein, was eine Anpassung an die Bedürfnisse der Schüler:innen ermöglicht. Ein Material kann aber auch als nicht bearbeitbares PDF mit zeitlich begrenzter Lizenz zu hohen Kosten angeboten werden. Digitale Medien tragen also nicht automatisch zum Abbau von Barrieren bei.

Digitale Medien können durch Multimedialität jedoch deutlich zu einem Mehr an Anschaulichkeit beitragen, von dem nicht nur die Schüler:innen mit Förderbedarf profitieren, sondern alle. Inhalte können unabhängiger von der Lehrkraft sowie Zeit und Raum genutzt werden und so Lernen demokratisieren, weil sie die Abhängigkeit vom Unterstützungspotential des Umfelds reduzieren.

Gleichzeitig verbergen sich auch potenzielle Hindernisse im vermehrten Einsatz digitaler Medien (Datenmissbrauch, nicht anpassbare Inhalte, digitale Vereinzelung). Dementsprechend ist es Aufgabe der Lehrkräfte, potenzielle Barrieren kritisch zu reflektieren und digitale Medien im Sinne ihrer Schüler:innen weiterzuentwickeln.

Unsere gemeinsame Aufgabe ist es nun, die Kompetenzen der (angehenden) Lehrkräfte so zu entwickeln, dass sie das Potenzial voll ausnutzen können. Dafür arbeiten wir, im Rahmen des Digitalpakts Schule, gemeinsam mit Expert:innen aus neun Bundesländern und dem Institut für Film und Wissenschaft im Unterricht an einer Plattform für vielfältige Modulbausteine für die drei Phasen der Lehrer:innenbildung zum Themenfeld „Digitale Medien in der inklusiven Schule“, die dann in den jeweiligen Lernmanagementsystemen der Länder und Universitäten genutzt werden können. Hier ist es meines Erachtens von zentraler Bedeutung, zusammenzuarbeiten und nicht das Rad immer wieder neu zu erfinden. Freie Lizenzen, wie die Creative Commons Lizenzen (cc-by und cc-0) und offene Formate tragen dazu bei, dass ich auf den Ergebnissen früherer Projekte aufbauen kann.

Du bist ja Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Inklusion Digital und schenkst uns damit deinen kritischen Blick für die Weiterentwicklung und Etablierung unserer Förderplanungs-App SPLINT im Schulsystem. Wo siehst du die Vorteile und Herausforderungen für Lehrkräfte bei der Nutzung von SPLINT?

Zentrales Argument für die Nutzung von SPLINT ist meines Erachtens der Austausch der Kolleg:innen über Beobachtungen bei ihren Lernenden. Förderplanung wird damit im Idealfall nicht mehr als Hoheitsgebiet von Sonderpädagog:innen gesehen, sondern bezieht unterschiedliche Professionen ein.

Was rätst du jungen Menschen, die sich für das Studium der Sonderpädagogik interessieren?

Macht Praktika, BuFDi, FSJ möglichst in inklusiven Einrichtungen, um herauszufinden, ob die Arbeit für euch wirklich in Frage kommt. Wenn ihr erst im Referendariat merkt, dass ihr Kinder nicht leiden könnt oder die Verantwortung euch zu viel ist, dann habt ihr viel Zeit verloren.

Beschäftigt euch im Vorfeld mit den Ausrichtungen der Studienstandorte und wählt nicht einfach das örtlich naheliegendste Angebot. An der Universität Bremen ist das Lehramt für inklusive Pädagogik/Sonderpädagogik beispielsweise mehr auf gemeinsames Lernen ausgerichtet als an anderen Standorten. Wir nutzen in stärkerem Umfang Lernvideos, Podcasts, um forschendes, selbstbestimmtes Lernen in Teams zu ermöglichen (z.B. path²in Lernpfade in die inklusive Schule (Link https://path2in.uni-bremen.de).

Informiert euch über Lehr-/Lernangebote an der Universität und überlegt, welche Unterrichtsfächer und Schulstufen für Euch in Frage kommen.

Vielen Dank für deine Zeit und das interessante Interview, lieber Frank!

 

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