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Reformpädagogik in Deutschland – wie inklusiv sind die verschiedenen Ansätze?

Das deutsche Schulsystem ist harter Kritik ausgesetzt. Kinder können sich nicht frei entfalten, leiden unter dem vorherrschenden Leistungsdruck und lernen nicht nachhaltig. Diese und weitere Aussagen hört man nicht selten im Gespräch über den Schulalltag in Deutschland. Doch auch Lehrkräfte empfinden die aktuelle Norm oftmals nicht als ideal. Als Gegenbewegung zur traditionellen Schulpädagogik hat sich so seit 1890 die Reformpädagogik entwickelt. Es gibt verschiedene reformpädagogische Ansätze, die Basis ist jedoch überall ähnlich. Zu den typischen Merkmalen der Reformpädagogik gehört, dass das Kind als Individuum gesehen wird und dessen Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt steht. Dabei werden Noten und Leistungsdruck abgelehnt. Die Lehrkraft dient oftmals als Lern- und Entwicklungsbegleiter:in, anstatt als strenge Autorität und soll die Selbstständigkeit der Schüler:innen fördern, wobei die jeweils passende Umgebung dabei unterstützen soll. Beim Lernen in der Reformpädagogik sollen entwicklungspsychologische und medizinische Forschungsergebnisse berücksichtigt und soziale, emotionale sowie kreative Kompetenzen gefördert werden. Dafür braucht es eine neue Methodik und Didaktik (erzieherin-ausbildung.de, o.D.).

 

Alternative Lehrformen in Deutschland

Wir fragen uns, welche alternativen Schulformen es in Deutschland gibt und wie das Thema mit Inklusion zusammenpasst. 

 

Montessori-Schulen

Maria Montessori (1870-1952) war eine italienische Ärztin, die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und geistiger Behinderung begleitete. Basierend auf ihren Beobachtungen entwickelte sie passende Lernmaterialien. 

Bei Montessori steht das Kind als Individuum im Mittelpunkt. Auf Noten wird (weitestgehend) verzichtet, stattdessen gibt es regelmäßige Einschätzungsgespräche. In Montessori-Schulen haben die Schüler:innen die Möglichkeit, sich über mehrere Wochen ein Thema in Form einer Projektarbeit zu erschließen. Dabei wird in altersgemischten Gruppen gelernt.

Die Kritik

Allerdings wird die Montessoripädagogik und v.a. Maria Montessori selbst auch stark kritisiert. In dem Buch “Der lange Schatten Maria Montessoris – Der Traum vom perfekten Kind” (Beltz Verlag, 2024) spricht die Autorin Sabine Seichert davon, dass es Montessoris Ziel gewesen sei, “das perfekte Kind” zu erschaffen. Dieses sei intellektuell, moralisch und körperlich makellos. Montessori setzte sich intensiv mit den Themen Eugenik und Rassentheorie auseinander. So sei das perfekte Kind europäisch.

Montessori zur Inklusion

Die vorangegangene Kritik wirft die Frage auf, wie die Begriffe “Montessoripädagogik” und “Inklusion” zueinander stehen. Montessori redet vom “anormalen Kind” und bezeichnet dieses als “Monster”. Diese Bezeichnungen sind offensichtlich nicht inklusiv. Trotzdem wird die Montessoripädagogik oft und meist aufgrund ihres Ursprungs in Einrichtungen des gemeinsamen Lernens eingesetzt. Montessori entwickelte ihre Ansätze ja in Einrichtungen für Kinder mit intellektuellen Beeinträchtigungen. Die Methoden sind also durchaus in inklusiven Settings einsetzbar.

Waldorfschulen

Die erste Waldorfschule wurde 1919 von Rudolf Steiner (1861-1925), aufgrund der Idee von sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen gegründet.

Der “Bund der Freien Waldorfschulen” beschreibt die Waldorfpädagogik als gemeinsame Bildung mit dem Ziel der inneren, menschlichen Freiheit. Dabei soll kein:e Schüler:in sitzen bleiben können. Der Unterricht sei bildhaft und wissenschaftlich geprägt. Alle Lehrkräfte seien gleichberechtigt und statt klassischer Noten werden Zeugnisse mit Beschreibungen ausgestellt, die auch das Bemühen und die Entwicklung der Schüler:innen einbinden.

Anthroposophie und Waldorf

Bei der Anthroposophie handelt es sich um eine Weltanschauung Rudolf Steiners. Dabei bezog er auch die geistige Dimension mit ein (Dittrich, 2019.). Die Anthroposophie soll die Möglichkeit eröffnen, die menschlichen Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten zu erweitern. Dabei schließt sie über die materielle Welt hinaus auch seelisch-geistige Realitäten mit ein. Die Mathematik und Naturwissenschaften werden dabei als Voraussetzung für anthroposophisches Verständnis angesehen (Bund der freien Waldorfschulen, o.D.).  Ein Teil der Anthroposophie ist außerdem die Kosmosophie (Badewien, J. 2006, S.5).

Die Anthroposophie kann heutzutage auch auf andere Bereiche wie die Medizin oder Landwirtschaft bezogen werden. Es ist wichtig zu erwähnen, dass diese Weltanschauung viel tiefer geht, als hier beschrieben. Es handelt sich hierbei nur um eine vereinfachte Darstellung zur Kontextualisierung. 

Die Kritik

Das anthroposophische Weltbild wird immer wieder stark kritisiert. Rudolf Steiner spricht immer wieder von “Rassen”, was diskriminierend interpretiert werden kann. Einzelne Erziehungspraktiken der Waldorfpädagogik werden auch kritisiert. Im Unterschied zu anderen Schulen, sollen Kinder in Waldorfschulen bspw. erst in der zweiten Klasse lesen lernen. Wissenschaftliche Belege, wieso das von Vorteil sein sollte, gibt es allerdings nicht.

Fröbel-Pädagogik

Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) war Pädagoge, Lehrer und Erzieher. Er ist vor allem als Begründer des Kindergartens bekannt. Fröbel beobachtete die Mutter-Kind-Beziehung, da er die Wichtigkeit der frühkindlichen Erziehung erkannte. Aus seinen Beobachtungen entwickelte er dann ein System. Schulen, die sich nach der Fröbel-Pädagogik richten, sehen Familie und Schule als eine pädagogische Einheit, in welcher das Kind als Subjekt fungiert. Dabei sind Erwachsene:r und Kind ebenbürtig und respektieren sich gegenseitig (International Froebel Society Deutschland, o.D.).

Fröbel setzte auf spielerisches und gemeinschaftliches Lernen und entwickelte als erster Reformpädagoge Spielmaterial mit pädagogischem Hintergrund (erzieherin-ausbildung.de, o.D.).

Die Kritik

Heute wird die Fröbel-Pädagogik teilweise für die fehlende Berücksichtigung des sozioökonomischen Umfelds kritisiert (nifbe, 2012).

Reformpädagogik und Inklusion – Die Realität

Der Grundgedanke von Reformpädagogik kann inklusiv ausgelegt werden, da der/die Schüler:in im Mittelpunkt stehen soll und damit auch auf individuelle Bedürfnisse eingegangen werden soll. Das Menschenbild einiger Reformpädagog:innen war jedoch – wie bereits erwähnt – teilweise von diskriminierenden Sichtweisen geprägt. Aber auch Schulen, die nach einer bestimmten Lehrform benannt sind, setzen oftmals nicht nur diese Form der Pädagogik um, sondern wählen einzelne Punkte aus, die sie nutzen können. Das heißt, dass sich z.B. Waldorfschulen selbst stark unterscheiden können. Auf diese Weise ist es möglich, dass positive Teile einer Pädagogik umgesetzt werden, ohne dass die Lehrenden an der Schule alle Sichtweisen des/der Pädagog:in selbst verinnerlicht haben.

 

Es wird deutlich, dass es vor allem auch auf die jeweilige Lehrkraft ankommt, ob eine bestimmte Form der Pädagogik inklusiv ist. Dabei sollte man sich folgende Frage stellen: “Bin ich als Mensch bereit, in einer Lernsituation mit meinem Gegenüber in Beziehung zu treten und auf den/die Schüler:in einzugehen?” Wenn die Antwort JA lautet, kann das als erster Versuch für inklusives Lehren gewertet werden. Pädagog:innen die an einer reformpädagogischen Schule lehren, Inklusion jedoch nicht verinnerlicht haben, lehren natürlich auch nicht inklusiv.

Bewertungssysteme

Der Gedanke von klassischen Schulnoten wird in vielen reformpädagogischen Schulen abgelehnt. Stattdessen wird auf verschiedene, andere Bewertungs- bzw. Orientierungssysteme zurückgegriffen. Im Sinne der Inklusion sind Pädagog:innen verpflichtet, das Kind in seiner Fülle zu sehen.

Fazit

Die Reformpädagogik hat eine lange Geschichte und steht stets im Wandel. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Ansätze. Dabei kommt es darauf an, für das jeweilige Kind individuell zu entscheiden und die Institutionen einzeln zu bewerten. In Schulen kann eine Beweglichkeit der verschiedenen Lehrformen herrschen, so dass Kombinationen entstehen. Es gibt nicht “die perfekte Schule”, da jedes Kind andere Bedürfnisse hat. Die Vielfalt der Schulformen selbst stellt dabei eine gute Voraussetzung für Inklusion dar.

 

Literaturverzeichnis

 

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