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Rassismuskritik im Bildungssystem –  was es für eine diversitätssensible Pädagogik braucht

Rassistische Sozialisierung?

Wenn wir Schule inklusiv machen möchten, müssen wir uns auch mit Rassismuskritik im Bildungssystem auseinandersetzen. Rassismus ist kein Randphänomen. Wir alle sind rassistisch sozialisiert, weil unser Alltag seit unserer Kindheit aus Vorurteilen besteht, aus denen sich Rassismus entwickelt. Wir alle kennen Kinderlieder oder Kinderbücher, die rassistische Narrative reproduzieren, wir haben bei Gesprächen in der Familie oder in der Nachbarschaft Vorurteile über andere Menschen mitbekommen: Rassismus prägt unseren gesellschaftlichen Alltag von Kindheit an. Und Rassismus ist leider ein Strukturmerkmal unserer Gesellschaft und existiert somit auch in Bildungseinrichtungen. Oft werden durch bereits vorhandene Strukturen und Routinen Ungleichheitsverhältnisse aufrechterhalten oder reproduziert. Und auch wenn dies in den meisten Fällen unabsichtlich oder aus Unwissenheit geschieht, sind wir alle aufgefordert, uns dessen bewusst zu werden und uns diesbezüglich kontinuierlich weiterzubilden, damit wir einer inklusiven Schule Schritt für Schritt näher kommen.

Diskriminierung bei Benotungen: Wenn der türkische Vorname zur Hürde wird

Institutioneller Rassismus ist leider noch an vielen Schulen Alltag für Schüler:innen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte. In einer Studie des Lehrstuhls Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim von 2018 z.B. vergaben angehende Lehr­er:innen schlechtere Diktat-Noten für Schüler:innen mit türkischen Vornamen, auch wenn die Anzahl von Fehlern in den Diktaten gleich war. Wie die Uni Mannheim weiter feststellte, wirkt sich der Migrations­hintergrund von Schüler:innen auch negativ auf ihre Noten im Fach Mathematik aus. Dafür haben die Bildungs­forschenden insgesamt 1.500 Gymnasiast:innen im Verlauf von zwei Schuljahren regelmäßig auf ihre Mathe­matik-Kenntnisse geprüft. Auch dabei kam heraus, dass Schüler:innen mit Einwanderungsgeschichte im Fach Mathematik bei gleicher Sprachfertigkeit und sozialer Herkunft im Vergleich zu ihren Mitschüler:innen ohne Migrations­hintergrund schlechter bewertet wurden. Laut Lagebericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sind Kinder mit Migrationshintergrund häufiger damit konfrontiert, dass ihnen aufgrund ihrer Herkunft seltener gute Leistungen zugetraut werden, womit sie im Bildungssystem nach wie vor benachteiligt sind.

Fortschreibung rassistischer Narrative in Schulbüchern

Auch in der Wissensvermittlung (Lehrbücher und -materialien) werden rassistische Narrative reproduziert, wie die Kulturwissenschaftlerin Meral El im Jahr 2022 in einer exemplarischen Begutachtung für die politische Landeszentrale Bremen herausgefunden hat. Entlang einer diskriminierungs- und rassismuskritischen Analyse untersuchte Meral El in einer 40-seitigen Studie Schulbücher für den Bereich Gesellschaft und Politik, die im Land Bremen für die Klassen 9 und 10 an Oberschulen und Gymnasien zugelassen sind. Alle Bücher wurden zwischen 2013 und 2020 veröffentlicht. Mit Verweis auf zahlreiche Text- und Bildbeispiele zeigt die Studie exemplarisch auf, in welcher Art und Weise rassistische, antisemitische und diskriminierende Narrative fortgeschrieben werden. Das Fazit der Studie ist ernüchternd: In fast allen untersuchten Schulbüchern finden sich implizit oder explizit antisemitische, rassistische, sinti- und romafeindliche, frauen- und queerfeindliche Inhalte und Abbildungen. Ansätze dafür, Gesellschaft und gesellschaftliche Diskurse diskriminierungssensibel sowohl in Geschichte als auch in Gegenwart darzustellen, bleiben leider punktuell. Auffällig ist auch, dass sich Begriffe wie “Antisemitismus” oder “Rassismus” in den Schulbüchern durchaus in Überschriften wiederfinden, diese aber im Text oder später in Kurzglossaren nicht näher definiert werden. 

Rassismus auch im Lehrer:innenzimmer?

Doch nicht nur Schüler:innen erleben Rassismus in der Schule, auch Lehrkräfte mit Migrationshintergrund sind betroffen. Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum und u.a. Experte für die Themenfelder Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen und diversitätssensible Lehrer:innenbildung. In seiner Dissertation aus dem Jahre 2015 untersuchte er die Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar:innen und Lehrer:innen “mit Migrationshintergrund” im deutschen Schulwesen und kam zu dem Schluss, dass auch Lehrkräfte „mit Migrationshintergrund“ in den Kollegien diskriminiert werden. Neben dem Vorwurf mangelnder Sprachkompetenz berichteten manche Lehrkräfte, deren Muttersprache etwa Türkisch, Farsi oder Arabisch ist, dass sie sich auch aufgrund der Herkunftssprache abgewertet fühlen. In einigen Schulen war es sogar verboten, dass sich Fachlehrkräfte für Türkisch im Lehrer:innenzimmer über türkische Literatur unterhalten. Auch muslimische Referendar:innen berichteten von ähnlichen Diskriminierungserfahrungen, und zwar unabhängig davon, ob sie ein Kopftuch tragen oder den Kolleg:innen gegenüber erwähnen, Muslim zu sein: Laut Studie reiche allein der türkische, arabische oder persische Name aus, um abgewertet zu werden. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist folgender Befund der Studie: Selbst Lehrkräfte, die zunächst behaupteten, „bei mir ist doch alles in Ordnung“, hatten Diskriminierungen im Berufsumfeld erfahren. Sie haben jedoch – wie sich herausstellte – Abwehr- und Distanzierungsmechanismen entwickelt, um nicht darüber reden zu müssen. Weil Rassismus noch immer viel zu oft tabuisiert wird, da er außerhalb der gesellschaftlich akzeptablen Norm steht und von vielen Menschen als Randphänomen betrachtet wird.

Wie können wir alle zu einer diversitätssensiblen Pädagogik beitragen?

Die Studienergebnisse sind zuweilen erschreckend – also was können wir im Bereich Bildung konkret gegen die Fortsetzung rassistischer Narrative und für eine diversitätssensible Pädagogik tun? “Kritische Selbstreflexion der eigenen gesellschaftlichen Position vornehmen, diskriminierungskritische Pädagogik in das Curriculum einbinden, diskriminierungssensible Sprache als Kernkompetenz wahrnehmen und regelmäßig schulinterne Fortbildungen dazu anbieten. Außerdem ist es wichtig, persönliche Erfahrungen der Schüler:innen zu den Themenfeldern berücksichtigen,” so Meral El in dem Fazit ihrer Studie.

Und auch Karim Fereidooni erläutert, warum es gerade im Bildungsbereich so wichtig ist, vorhandene Stereotype ein für allemal aufzubrechen: “Rassismus muss an Schulen immer wieder thematisiert werden, damit sich etwas verändert”, so Fereidooni. “Es existiert aber noch immer ein großes Tabu in den Institutionen, überhaupt erstmal anzuerkennen, dass Rassismus in Kita, Schule und Universität vorkommt und auch relevant ist. Stattdessen heißt es ‘aber es sind doch alle so nett hier’. Doch Nett-Sein ist kein Kriterium und für Rassismus nicht maßgeblich”, führt Fereidooni weiter aus. “Der erste Schritt wäre also, anzuerkennen: Ja, es gibt auch in meiner Einrichtung Rassismus. Und sich dann bewusst zu machen, dass Rassismus die Integrität aller Menschen beschädigt”, so Prof. Dr. Karim Fereidoonis Fazit seiner Untersuchung. 

Natürlich kann hier nur ein erster Überblick zu diesem weiten Themenfeld gegeben werden. Es wird trotzdem deutlich, dass wir alle gefordert sind, uns darüber bewusst zu werden, dass Rassismus existiert – auch im Bildungssystem. Und dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, wenn uns Chancengleichheit und Inklusion am Herzen liegen und wir alle mitnehmen möchten.

Literatur- und Linktipps

Im Folgenden haben wir euch ein paar Literatur- und Linktipps zum Thema zusammengestellt:

Amjahid, Mohamed: Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken, Piper Verlag 2021

Amjahid, Mohamed: Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein, Carl Hanser Verlag 2017

Hasters, Alice: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, Carl Hanser Verlag 2019

Onlineshop von Anna Mendel mit Kursen und Workshops u.a. zum Themenfeld Antirassismus

Ogette, Tupoka: Exit Racism, Unrast Verlag 2017

Roig, Emilia: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung, Aufbau Verlage 2021

Tiffany, Jewell: Das Buch vom Antirassismus. 20 Lektionen, um Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen. Mitmach-Buch für Jugendliche und Kinder ab 10 Jahren: Vorurteile erkennen, solidarisch und empathisch handeln, Zuckersüß Verlag 2020

Yumurtacı, H./Lutz, A.L./Rupp, E./Kırömeroğlu, E./Guy, S.: Anti-Rassismus für Lehrkräfte. Handlung reflektieren – Sensibilität schaffen – Diskriminierung vorbeugen, Verlag an der Ruhr 2023

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Materialien zur rassismuskritischen Bildungsarbeit

Hate Aid – Rassismus im Netz

Afrozensus 2020

Was sind eure Gedanken zum Thema Rassismus im Bildungssystem? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Wir freuen uns auf den Diskurs mit euch! Folgt uns dazu gern auf unseren Social Media Kanälen:

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Quellen

https://www.vielfalt-entfalten.de/themen/diversitaet-und-empowerment/rassismuskritische-bildungsarbeit/

https://www.uni-mannheim.de/newsroom/presse/pressemitteilungen/2018/juli/max-versus-murat-schlechtere-noten-im-diktat-fuer-grundschulkinder-mit-tuerkischem-hintergrund/

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2018.00481/full

https://www.landeszentrale-bremen.de/assets/Uploads/Schulbuchstudie-Print.pdf

https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/20203/1/Dissertation%20Karim%20Fereidooni%281%29.pdf

https://www.ufuq.de/aktuelles/rassismus-und-diskriminierungserfahrungen-im-lehrerinnenzimmer-gespraech-mit-prof-dr-karim-fereidooni/

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/du-gehoerst-nicht-dazu

Lagebericht Rassismus in Deutschland: Ausgangslage, Handlungsfelder, Maßnahmen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus.

 

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